Die Nebellaterne

Kralle

Jasper saß zusammen gekauert auf den kalten und feuchten Stufen der Schultreppe.
Es war ein merkwürdiger Tag gewesen und das Schlimmste stand ihm noch bevor.

Er hätte heute Morgen besser in seinem Bett bleiben sollen denn dann währe all dies nie geschehen.

Es fing an als sein Stiefvater, Jochen, in sein Zimmer kam um ihn zu wecken.
Es war eines der täglichen Rituale in der Familie geworden, das Jochen ihn am Morgen mit unfreundlichem Ton dazu aufforderte endlich aus dem Bett zu kommen und sich für die Schule fertig zu machen. Seit Jaspers Mutter Jochen vor 3 Jahren geheiratet hatte, war das Verhältnis zwischen dem 45 Jährigen und seinem 17 Jährigen Stiefsohn nicht ganz reibungslos geblieben, doch alles in allem kamen sie einigermaßen gut miteinander zurecht.

Jasper stand also wie jeden Morgen widerwillig auf und trabte schlaftrunken ins Badezimmer, eine kurze Dusche, Zähne putzen, anziehen, all dies lief quasi bereits auf dem Automatikmodus, doch irgendetwas war heut nicht so wie sonst. Als Jasper in den Badezimmerspiegel blickte schreckte er im ersten Moment zurück. Was war das?

Quer über seine Wange verlief ein roter streifen, fast wie Blut, seine Augen waren Gelb und blutunterlaufen und seine Ohren wiesen spitz zulaufende Enden auf. Jasper schüttelte den Kopf, nein das muss noch ein Teil eines merkwürdigen Traums sein. Ein weiterer Blick in den Spiegel bestätigte seine Vermutung, seine Augen waren normal, seine Ohren auch und was er für einen Blutstreifen gehalten hatte war nur der Restabdruck seines Kissens.

Zum Frühstück gab es heute Speck, eigentlich mochte Jasper keinen Speck, vor allem nicht zum Frühstück, doch heute war alles anders, er schlang fast 10 streifen des fettigen Fleisches herunter und hörte nur auf weil nichts mehr übrig war. Jochen und seine Mutter starrten ihn nur aus großen Augen an.

„Jasper alles in Ordnung?“ die stimme seiner Mutter klang doch etwas besorgt.
„Wieso?“
„Na ja, du benimmst dich irgendwie komisch.“
„Was deine Mutter damit meint ist, das du soviel gegessen hast, als wenn du seit Monaten am verhungern währst mein Sohn.“ ergänzte Jochen.

Wütend blickte Jasper über den Tisch auf seinen Stiefvater: „Erstens bin ich nicht dein Sohn, und zweitens hatte ich einfach nur Hunger, ist das denn so unnormal immerhin bin ich noch im Wachstum.“

„Streitlustig wie?“ fragte Jochen „Dabei wollte ich dir gerade anbieten dich heute mal zur Schule zu fahren.“
„Nein danke, auf deine Almosen bin ich nicht angewiesen.“ bevor der andere noch etwas erwähnen konnte war Jasper aufgestanden und hatte die Küche bereits verlassen.
Aber irgendwie war es schon merkwürdig wie er reagiert hatte, Jochen hatte ihn schon vorher als „Sohn“ bezeichnet und es hatte ihm nie etwas ausgemacht, seinen richtigen Vater hatte er immerhin nie kennen gelernt und besonders reizbar war Jasper sonst auch nicht.

Darüber dachte er dann nach als er im regen zur Schule stampfte, und natürlich bereute er bereits nach den ersten Schritten im Freien das er nicht doch auf das Angebot seines Stiefvaters eingegangen war, doch dazu war es nun zu spät.

In der Schule angekommen machte er sich direkt auf den Weg ins Klassenzimmer, ein blick auf die große Hallenuhr hatte ihm verraten das es schon 20 Minuten nach Unterrichtsbeginn war, so ein Mist, mit etwas Glück hatte Frau Lebermann nachsehen mit ihm.
Gerade als er höflich am Klassenzimmer anklopfen wollte und sich eine plausible Entschuldigung zurechtlegte, die den Zorn der Geschichtslehrerin dämpfen würde, erklang die Stimme des Konrektors direkt hinter ihm.

„Herr Wegener! Sofort in mein Büro! Das ist bereits das 3. mal das ich sie dabei erwische wie sie zu spät kommen und das alles in einem Monat, dieses mal werde ich glaube ich kein nachsehen haben.“ Na super schoss es Jasper durch den Kopf, Herr Oberstudienrat Maier, heute war wirklich nicht sein Tag.

Wie es sich für einen Schüler der Oberstufe gehörte ging er in gebührendem Abstand und mit hängenden Schultern hinter dem Konrektors her in dessen Büro.

Ohne zu warten das Jasper auf dem für Schüler zugewiesen Stuhl platz nahm begann der Alte schon zu reden: „Herr Wegener, ich habe keine Lust mich mit langen Standpauken aufzuhalten und komme gleich zur Sache, sie sind bis auf weiteres von der Schule suspendiert.“
„Was?“ Jasper wurde wütend: „Das können sie mir nicht antun, Herr Maier…“ „Oberstudienrat Maier, für sie“
„Tut mir leid, Herr Oberstudienrat Maier, ich bin doch erst das 3. mal zu spät, das kommt doch mal vor.“
„Ich habe nicht vor mir das noch länger von euch rotznäsigen Bälgern ohne Respekt gefallen zu lassen, daher werden ab heute andere Seiten aufgezogen. Sie sind suspendiert und daran gibt es nichts zu rütteln, gehen sie nach hause, ich werde mich in den nächsten Tagen bei ihren Eltern melden um über ihren weitere Werdegang an dieser Schule zu besprechen.“

„Aber morgen schreiben wir eine wichtige Klausur, ich darf gar nicht fehlen, die Arbeit macht 70 Prozent meiner Deutschnote aus. Bitte haben sie heute noch mal ein nachsehen, es passiert auch bestimmt nicht wieder.“ Jasper war den Tränen nahe, diese Klausur entschied über seine Zukunft, wenn er sie nicht mit schrieb würde er in Deutsch dieses Jahr durchfallen und dann konnte er seinen Traum Journalist zu werden gleich an den Nagel hängen.
„Darüber hätten sie früher nachdenken sollen. Ich glaube es hätte sowieso keinen unterschied gemacht, Herr Wegener sie sind ein Versager, einmal ein Versager immer ein Versager.“

Schlagartig wurde Jaspers Trauer und seine Verzweiflung zu Wut, unglaublich starker Wut, so wütend wie in diesem Moment war er noch nie zuvor in seinem Leben.

Sein Blick trübte sich, es war als wenn er alles durch einen roten Mantel sieht. Und dann wurde alles schwarz.

Als Jasper wieder erwachte wusste er im ersten Moment nicht wo er war, erst als er sich um blickte wurde ihm bewusst das er sich immer noch im Zimmer des Konrektors befand, doch dann kam der Schock und er währe beinahe wieder in Ohnmacht gefallen. Überall war Blut, an seinen Händen, seinem Oberkörper, an dem nur noch die Fetzen seines T-Shirts hingen, auf dem Schreibtisch des Oberstudienrates und, im ersten Moment konnte er gar nicht fassen was er da sah, sein Konrektor lag mit zerfetzter Kehle auf dem Bürostuhl und blickte aus leeren Augen zur decke. – War ich das? - schoss es Jasper durch den Kopf.

- Nein ich.
Jasper drehte sich erschrocken nach allen Seiten um, doch es war sonst niemand im Büro.

- Ich bin hier drüben

Er wandte den Blick zur Seite, dahin wo die Stimme hergekommen war, dort an der Wand war ein Spiegel, und daraus blickte ihn das gleiche Gesicht wie am Morgen an, sein Eigenes, doch er hatte gelbe blutunterlaufene Augen, spitze Ohren und Blut am Mund.
Hastig tastete Jasper nach seinen Ohren, sie waren Spitz und er fühlte einen leichten Flaum darauf.

- Nun lehren wir uns endlich kennen, ich bin Kralle, deine andere Seite.

„Wie…“

- Für Fragen ist immer noch Zeit lass uns hier verschwinden.

Jasper konnte sich nicht bewegen.

- Überlasmir die Kontrolle ich kümmere mich um alles.

Dann wurde es wieder schwarz.

Jasper befand sich in einem dunklen Raum als er Aufwachte, er tastete nach seinen Ohren doch sie waren normal.

„Du brauchst hier drin keine Angst zu haben.“ Die Stimme schien von überall zu kommen.
„Wo bin ich, und wer bist du?“
„Ich bin Kralle, sagte ich das nicht schon? Na ja ist wohl nicht so einfach der ganzen Sache zu folgen, also versuche ich es dir einfach und kurz zu erklären.“
Aus der Dunkelheit trottete ein schwarzer Wolf, zuerst wich Jasper einige Schritte zurück doch dann zögerte er, der Wolf kam ihm so vertraut vor.

„Ich bin Kralle.“ Sagte der Wolf.
„Ich bin das Erbe das du von deinem leiblichen Vater bekommen hast. Du bist hier in deinem eigenen Geist, ja so könnte man es ausdrücken.“
„In meinem eigenen Geist? Erbe meines Vaters? Ich kann dir nicht ganz folgen.“
Der Wolf seufzte.
„Na gut, ich wusste das es dir nicht so leicht fallen würde die ganze Sache zu verstehen, also beginne ich von Vorne. Dein Vater, den du ja nie kennen gelernt hast, war ein Werwolf. Ich bin der Teil von dir der Wolf ist und nun da du fast 18 Jahre alt bist, kann ich endlich in Erscheinung treten und dich deinem Erbe zuführen in dem ich komplett eins mit dir werde.“

Jasper war merkwürdigerweise weniger geschockt als er hätte sein müssen, er verstand es selbst nicht doch aus irgendeinem Grund hatte er es schon immer gewusst, dass er anders war.

„Ok, ich sehe das du es nun verstehst, also lass uns die Vereinigung vollziehen, damit wir hier wegkommen.“ Dann wurde es wieder dunkel um Jasper.

Als Jasper aufwachte saß er auf den kalten und feuchten Stufen der Schultreppe.
Es war ein merkwürdiger Tag gewesen, aber das schlimmste stand ihm noch bevor.
Nun, es hilft nichts, er kann das unvermeidliche nicht länger heraus zögern, daher machte er sich nun auf den Weg um seiner Mutter und seinem Stiefvater beizubringen, das er demnächst öfter mal ein Flohhalsband benötigen würde, die Schultasche im Maul lief er die Straße hinunter.

Kommentar schreiben

0 Kommentare

  • loading