Sommer Sonntag
Es war, für jeden Außenstehenden, ein ganz normaler Tag. Die Sonne schien, ein leichter Sommerwind wehte den Duft frisch gemähten Rasens in die Nasen der Spaziergänger und die Ruhe dieses Sommersonntags wurde nur gelegentlich von den fernen rufen spielender Kinder oder dem freudigen Gesang eines Vogels unterbrochen.
Es war, für jeden Außenstehenden, ein ganz normaler Sonntag im Sommer, ein Tag an dem man sich auf der Veranda in eine Liege legte und Eistee schlürfend ein Buch las oder mit Freunden runter zum See fuhr, natürlich mit dem Fahrrad, um in der Sonne liegend über den Sinn oder Unsinn des Lebens zu philosophieren.
Nun für jeden nicht Außenstehenden, für jene Gruppe junger Menschen die sich an diesem Tag, hinter der Scheune des alten Herrn traf, war es alles andere als ein gewöhnlicher, nein nicht einmal ein angenehmer, Sommersonntag. Die meisten der Versammelten 6 Personen, alles junge Menschen zwischen 13 und 16 Jahren, währen am liebsten mit dem Fahrrad zu eben jenem See gefahren, wie es sonst an einem Sonntag im Sommer ihre übliche Angewohnheit war.
Doch heute sollte ein ganz außergewöhnlicher Sonntag sein, so hatte Paul, der Sohn des Werkstattbetreibers, es ihnen zumindest angekündigt. Heute würden Sie dem alten Herren all seine Gemeinheiten, unter denen sie alle in den Jahren hätten leiden müssen, heimzahlen.
Der alte Herr, zur Erklärung liebe Leser, war ein in die Jahre gekommener Bauer, dessen Hof, nur noch aus einem mehr als Baufälligen Haupthaus, und einer kleinen und von Wind und Wetter stark strapazierten Scheune bestand und sich südlich des Dorfes befand. Früher, das heißt als der alte Herr jünger war und aus dem Krieg zurückkehrte, war dieser Hof mehr als die trostlose Ansammlung von Gebäuden die sie heute ist, damals lebte seine Frau noch, und neben den 3 Kühen, den 2 bis 3 Schweinen und einer ganzen Schar Hühner hatten sie noch einige Stücke Land die sie gemeinsam bewirtschafteten. Ja damals lief noch alles in richtigen Bahnen, und der alte Herr, noch nicht ganz so alt, hatte ein glückliches Leben, mit seiner Gertrude und seinem Sohn, dem Jochen. Doch dann, wann genau weis keiner mehr im Dorf, wurde Gertrude krank, und letztendlich starb sie, einige Lästermäuler behaupteten, tuschelnd hinter vorgehaltener Hand, dass er sie vergiftet habe, doch nie hatte jemand diesen Verdacht bestätigen können oder es gewagt dies in aller Öffentlichkeit zu verkünden.
Der Jochen, nun der Jochen suchte dann sein Glück in der großen Stadt und ließ den Vater alleine mit dem Hof und kam nur einmal im Jahr zum Geburtstag des alten Herren zu besuch, manch einer mag behaupten, dass Jochen kein sehr Pflichtbewusster Sohn sei, und andere behaupten sogar das er nur darauf warte das sein Vater endlich starb damit er den Hof verkaufen könne, ob dies stimmt oder nicht ist für unsere Geschichte nicht von Belang aber sollte dennoch erwähnt werden. Am Anfang, nach Jochens Weggang, kam der alte Herr mit dem Hof noch alleine zurecht, doch dann verkaufte ein bisschen von seinem Land damit er nicht soviel zu tun hatte, und mit der Zeit veräußerte er immer mehr davon, er wurde halt älter und die Arbeit viel ihm von Jahr zu Jahr schwerer, hinzu kam das er niemanden, vor allem nicht seinem Sohn, zur last fallen wollte.
Nun um aber zum Wesendlichen, und damit zum Grund der Versammlung, zurückzukehren, ist festzustellen das im gleichen Maße wie der Hof kleiner wurde, die Griesgrämigkeit des alten Herrn zunahm. Immer häufiger jagte er unerwünschte Besucher, mit Schimpftriaden vom Hof, und machte auch keinen Hehl daraus, dass die „Jugend von Heute“ in seinen Augen nur aus Herumtreibern und Taugenixen bestünde.
War er im Dorf unterwegs, was außer Sonntags zur Frühmesse, äußerst selten passierte, so ließ er sich keine Gelegenheit entgehen die Jungen und Mädchen, die im Dorf lebten, zu beschimpfen oder wegen ihrer Jugend mit abschätzenden Kommentaren und unfreundlichen Worten darauf hinzuweisen, das sie, die Jungen, keinen Respekt vor den Älteren haben.
Letzten Sonntag hatte er den Bogen aber etwas überspannt, als er die kleine Maria beschimpfte, die nichts ahnend mit ihrem Puppenwagen durchs Dorf lief und dabei wohl versehendlich den Wagen zwischen einem Baum und einer Gartenhecke stehen ließ um sich eine besonders schöne Blume am Rand des Weges anzusehen. Man muss an dieser Stelle wohl erwähnen das Maria, die die Schwester von Paul war, nicht älter als 5 Jahre ist, und wie es in diesem Alter üblich, nicht immer zur Gänze durchdacht handelt. Nun war es nämlich so das der alte Herr, genau den Weg nehmen wollte der durch den Puppenwagen versperrt wurde und sich nur dadurch Platz schaffen konnte in dem er den selbigen mit einem Ruck auf die Straße stieß. Hier möchte ich, ganz unverbindlich und meinungsfrei, anmerken, das der alte Herr schon vor sehr langer Zeit ein alter erreicht hat in dem man sich in der Lage sehen sollte Handlungen zur Gänze zu durchdenken, doch dies nur zur Information der werten Leserschaft.
Marias liebstes Spielzeug, der Puppenwagen samt Inhalt, rollte also auf die Straße und wurde dort, zum Leidwesen Marias, von einem PKW angefahren, dessen junge und unerfahrene Fahrerin den Wagen erst verspätet sah, und durch die Luft geschleudert. Helga, Marias liebste Puppe, machte auf höchst unfreundliche art, Bekanntschaft mit dem in der nähe der Straße liegenden Dorfteich in den sie samt ramponierten Puppenwagen versank, während der vollkommen überraschte Autofahrer bei seinem Versuch dem Kinderspielzeug auszuweichen fast in einen Parkenden Wagen gefahren währe. Der alte Herr, ging indessen, ungerührt und unbekümmert auf seinem Weg weiter und schien nicht das geringste Interesse an jenem Verkehrsunfall zu haben, dessen Hauptverursacher er war.
Maria, deren Aufmerksamkeit für jene wunderschöne Blume am Straßenrand, durch das Quietschen der Reifen unterbrochen wurde, drehte sich in dessen um und wurde des Unglücks gewahr, nicht ohne von dem alten Herren der an Ihr vorüber ging noch als „unnützes Balg“ betitelt zu werden. Sie sah noch wie der Puppenwagen im Dorfteich unterging bevor sie in Tränen ausbrach und heulend zu Ihrer Mutter lief, wie es 5 Jährige nun einmal in solchen Situationen immer tun. Der zweite Unfallteilnehmer, jener, oder besser gesagt jene Autofahrerin, eine junge Studentin aus der Stadt, die zu besuch bei Verwandten war, suchte vor und unter Ihrem Wagen nach einem möglicherweise überfahrenen Kind und war eine der wenigen Zeugen die den alten Herren vom Unfallort hatte weggehen sehen.
Paul hatte beschlossen, Marias Unglück nicht so einfach hinzunehmen, und hatte daher nun an diesem Sonntag all seine Freunde zusammengerufen um dem alten Herren endlich einmal eine Lektion zu erteilen. Sein Plan, vielleicht nicht der Beste aber man sollte Nachsehen mit ihm haben, immerhin ist er erst 15 Jahre alt, bestand darin die alte und ungenützte Scheune des Hofes in Brand zu stecken. Vielleicht so dachte er würde der alte Herr diese Nachricht verstehen und in Zukunft nicht ganz so unfreundlich und rüde zu anderen sein. Das es sich bei dieser Tat um eine Straftat handeln würde und das er, da über 14 Jahren, nicht ganz so unbeschadet herauskommen würde, sollte man ihn mit der Brandstiftung in Verbindung bringen, war ihm nicht bewusst oder, wenn doch, gänzlich egal.
Jakob, Pauls bester Freund, hatte ihn in seinem Vorhaben bestärkt und dazu geraten die „anderen“ im Dorf ebenfalls einzuweihen, man sollte hinzufügen das Jakob, Zerstörung und das anzünden von Dingen schon immer als sein Hobby gesehen hatte und Zerstörung um der Zerstörung willen war etwas das er sich nicht entgehen lassen wollte.
Neben Paul und Jakob gehörte auch Sabine zu den „Verschwören“, wie sie es nannte, sie hatte vorgeschlagen das wenn man schon eine Nachricht überbringen wolle, man dafür sorgen müsste das der alte Herr sie auch verstünde und hatte extra hierfür ein altes Holzschild mit dem Kampfruf: „Eine Scheune für eine Puppe - in Gedenken an Helga“ bepinselt um es auf die Türschwelle des Hauses zu legen, so das der alte Herr es auf jeden fall finden müsste.
Nun ich erwähnte das es sich bei dieser Gruppe um 6 Personen, nein sagen wir lieber 6 Kinder handelte, und da ich Paul, Jakob und Sabine nun erwähnt habe bleiben noch Gustav, der Sohn des Bäckers, Isabelle die Tochter des Dorflehrers und Martin der Cousin von Jakob, der in diesem Sommer zu besuch im Dorf war und „einfach nur so“ mitgekommen war.
Nachdem sie sich also zusammengefunden hatten um diese „Lektion“ zu lehren beschlossen sie zur Tat zu schreiten und dann so schnell wie möglich zum See zu fahren, damit keiner sie mit dem Brand in Verbindung bringen konnte, immerhin war es Sonntag Mittag und der alte Herr befand sich gerade auf dem Nachhauseweg von der Messe zum Hof, in seinem alter brauchte er für diesen Weg bestimmt, eine ganze Weile, genug Zeit die Scheune anzuzünden und sich „zu verdrücken“ wie Gustav es ausgedrückt hatte.
Die Zeitung schrieb später das es ein großes Unglück gewesen sei das der alte Herr ausgerechnet an diesem Sonntag krank im Bett lag und nicht wie sonst sonntags morgens in der Kirche gewesen sei, und das die Scheune wohl durch die Hitze des Sommers, in Verbindung mit dem in ihr gelagerten Stroh Feuer gefangen hätte, und das es ein noch größeres Unglück gewesen sei das das Feuer auf das Wohnhaus übergesprungen sei, was den alten Herren das Leben kostete. Das Schild mit dem Kampfruf der Kinder wurde nicht erwähnt, hatte der Löschzug doch beim Versuch das Feuer zu bekämpfen die Farbe auf dem Brett aufgelöst.
Einzig 6 Personen, wussten von den wahren Begebenheiten an jenem Tag und schworen sich niemals ein Wort über diese Sache zu verlieren.
Die Nebellaterne


